Fortbildungsveranstaltung der PTK Hessen
Die PTK Hessen veranstaltete am 19.03.2026 eine Online-Fortbildung zum Thema 'Pornografie-Nutzungsstörung' unter der Leitung von Prof. Dr. Rudolf Stark (Justus-Liebig-Universität Gießen), der auch Mitglied des Kammervorstands ist. Mit ca. 75 Teilnehmer*innen stieß die Veranstaltung auf großes Interesse und war geprägt von zahlreichen Fragen sowie einer lebhaften Diskussion – insbesondere dazu, wann und in welcher Form wissenschaftliche Erkenntnisse zu Störung und Therapie veröffentlicht werden können.
Prof. Stark stellte zunächst die Einordnung der PNS im ICD-11 vor: Sie wird als Teil der Impulskontrollstörungen unter der Diagnose „zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung“ geführt. Die PNS stellt dabei die häufigste Ausprägung dar. Diagnostisch relevant sind unter anderem ein Kontrollverlust über das Verhalten, die Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen sowie ein erheblicher Leidensdruck oder funktionelle Einschränkungen über mindestens sechs Monate hinweg .
Ein zentrales Thema war die Verbreitung und gesellschaftliche Relevanz der Störung. Prof. Stark betonte, dass die Prävalenz der PNS mit etwa 3 % in der Allgemeinbevölkerung in einer ähnlichen Größenordnung liegt wie Alkoholabhängigkeit oder soziale Phobien . Damit handelt es sich um ein klinisch bedeutsames Störungsbild, das in der Versorgung stärker berücksichtigt werden müsse.
Anhand empirischer Daten machte Stark deutlich, dass Pornografie-Konsum weit verbreitet sei und vielfältige Funktionen erfülle, u.a. auch zur Emotionsregulation oder als Bewältigungsstrategie genutzt werde. Problematisch werde der Konsum insbesondere dann, wenn er dysfunktionale Funktionen übernehme, etwa zur Vermeidung negativer Emotionen oder bei zunehmender Eskalation in Häufigkeit und Inhalt. Langfristig könnten soziale Isolation, partnerschaftliche Probleme, Schuldgefühle und ausgeprägte Scham entstehen. Prof. Stark hob hervor, dass gerade diese Scham bei den Betroffenen weit verbreitet sei – gleichzeitig aber auch eine hohe Motivation zur Veränderung darstellen könne, sobald Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den neurobiologischen und lerntheoretischen Grundlagen. Prof. Stark erklärte, wie pornografische Reize das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren und eine Sucht auslösen können – er ging auf Verstärkungsmechanismen und das I-PACE-Modell ein, um die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Störung besser verständlich zu machen.
Im Hinblick auf die Behandlung betonte Stark, dass die derzeitige Studienlage noch begrenzt ist. Ein systematischer Review zeige, dass von mehreren tausend Studien lediglich ein kleiner Teil methodisch ausreichend hochwertig sei, wobei die Mehrheit verhaltenstherapeutisch orientiert ist . Er stellte klar, dass dies nicht bedeute, dass die Verhaltenstherapie grundsätzlich überlegen sei – vielmehr fehle es bislang an vergleichbaren Studien zu anderen therapeutischen Ansätzen.
Vorgestellt wurde zudem das Versorgungsprojekt „PornLoS“, eine modularisierte Kurzzeittherapie über sechs Monate, die Einzel- und Gruppentherapie kombiniert und durch digitale Elemente ergänzt wird . Ziel des Therapiekonzepts ist es, evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten weiterzuentwickeln und die Versorgung zu verbessern.
Ein wichtiges Anliegen der Fortbildung war zudem die Diskussion der Versorgungssituation. Prof. Stark betonte die Notwendigkeit niedrigschwelliger Angebote und besserer Informationsstrukturen, um Betroffenen frühzeitig den Zugang zu Hilfe zu ermöglichen. Gerade vor dem Hintergrund der hohen Scham sei es entscheidend, Hemmschwellen zu reduzieren.
Die Fortbildung bot neben dem fachlichen Input viel Raum für Austausch. Die Teilnehmenden diskutierten intensiv Fragen zur Diagnostik, zur therapeutischen Beziehung sowie zur zukünftigen Entwicklung der Forschung.
Die Folien zur Fortbildung stehen im passwortgeschützten Mitgliederbereich unter „Internes > Veranstaltungsfolien“ zur Verfügung.
