Autismus-Spektrum-Störung im Erwachsenenalter: Diagnostik zwischen Trend und Verantwortung

26.02.2026 | Kategorien: |

In Ihrer Fortbildung widmete sich Prof. Dr. Inge Kamp-Becker vom Universitätsklinikum Heidelberg sich den fachlichen Grundlagen der ASS im Erwachsenenalter. Im Mittelpunkt standen die diagnostische Sorgfalt, eine differenzierte Einordnung der Symptomatik sowie die besondere Verantwortung bei der Diagnosestellung - insbesondere in einer Zeit der Trenddiagnose „ASS“ in sozialen Medien.

Autismus-Spektrum-Störung im Erwachsenenalter: Diagnostik zwischen Trend und Verantwortung

Fortbildunsgveranstaltung der PTK Hessen

Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) erfährt derzeit eine starke mediale Präsenz und wird insbesondere in sozialen Medien häufig thematisiert. Diese Entwicklung spiegelt sich zunehmend im Praxisalltag wider: Immer mehr erwachsene Patient*innen suchen eine diagnostische Abklärung auf, da sie bei sich selbst eine ASS vermuten.

Vor diesem Hintergrund veranstaltete die PTK Hessen eine Fortbildung mit Prof. Dr. Inge Kamp-Becker vom Universitätsklinikum Heidelberg, die sich den fachlichen Grundlagen der ASS im Erwachsenenalter widmete. Im Mittelpunkt standen die diagnostische Sorgfalt, eine differenzierte Einordnung der Symptomatik sowie die besondere Verantwortung bei der Diagnosestellung.

Prof. Kamp Becker erläuterte zunächst die Grundlagen zur ASS und beschrieb Kennzeichen wie anhaltende Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster. Wichtig sei, dass Ausprägung der Symptomatik, die Sprachentwicklung und die kognitiven Fähigkeiten dabei erheblich von Person zu Person variieren können. Sie wies außerdem auf die hohe Komorbiditätsrate der ASS hin: Ein großer Teil der Menschen mit einer ASS sei zusätzlich von psychischen Erkrankungen betroffen. Vor allem Störungsbilder mit Symptomüberschneidungen zu autistischen Merkmalen, seien eine Herausforderung für die Differentialdiagnostik im klinischen Alltag. So können Autismusähnliche Merkmale („autism-like traits“) beispielsweise im Rahmen sozialer Angststörungen, affektiver Störungen, Traumafolgestörungen oder bestimmter Persönlichkeitsakzentuierungen auftreten, ohne dass eine ASS vorliegt. Screeningverfahren allein seien daher nicht ausreichend – vielmehr betonte Prof. Becker die umfassende entwicklungsbezogene Anamnese, der Einsatz standardisierter diagnostischer Verfahren sowie die sorgfältige Prüfung alternativ erklärender Störungsbilder. Komorbide Störungen seien eigenständig zu diagnostizieren und leitliniengerecht zu behandeln.

Ein weiterer Schwerpunkt der Fortbildung lag auf der zunehmenden medialen Darstellung von Autismus. Begriffe wie „Masking“, „Autistic Burnout“ oder „Pathological Demand Avoidance“ sind in den Medien derzeit stark präsent. Prof. Becker erläuterte, dass viele Behandelnde von vermehrten Selbst- oder Wunschdiagnosen berichteten, insbesondere bei gut informierten Erwachsenen mit intensiver Internetnutzung. Weiche die fachliche Einschätzung von der Selbstzuschreibung ab, entstünden nicht selten Enttäuschung und Verunsicherung. Sie betonte in diesem Zusammenhang, dass Autismus eine komplexe neuroentwicklungsbezogene Störung darstellt und nicht als allgemeine Erklärung für Belastungserleben oder soziale Unsicherheiten herangezogen werden solle.

Die Fortbildung stieß auf großes Interesse und bot neben dem fachlichen Input auch Raum für Fragen und kollegialen Austausch mit insgesamt 185 Teilnehmenden. In der anschließenden Diskussion wurden praktische Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag aufgegriffen und vertieft.

Die Folien zur Fortbildung stehen im passwortgeschützten Mitgliederbereich unter „Internes > Veranstaltungsfolien“ zur Verfügung.