„Es ist absurd, dass wir das jetzt wieder erkämpfen müssen“
LPK trifft Gesundheitspolitik 2025: Was planen die Fraktionen für die Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung?
Am 2. September fand im „Esszimmer“ des rheinland-pfälzischen Landtags die Veranstaltung „LPK trifft Gesundheitspolitik 2025“ statt. Gastgeberin: Die Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz (LPK RLP). Unsere Nachbarkammer lud Vertreter*innen aus Politik, Psychotherapie und Gesundheitswesen ein, um über Versorgungslücken, die Finanzierung der Weiterbildung, dem daraus drohenden Fachkräftemangel und die besonderen Herausforderungen für Kinder und Jugendliche zu diskutieren. Zentrale Frage an die Landespolitik: Was planen die Fraktionen für die Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung? Seitens der PTK Hessen folgten Vizepräsidentin Else Döring, Karl-Wilhelm Höffler, Mitglied des Vorstandes, sowie Geschäftsführer Olaf Diederichs der Einladung.
In ihrer Eröffnungsrede stellte die Präsidentin der LPK RLP, Sabine Maur, klar, dass psychische Belastungen in Familien schon immer existierten. Der Unterschied zu früher bestehe darin, dass heute mehr Menschen Hilfe in Anspruch nehmen. Die Gründe dafür seien die Entstigmatisierung, niedrigschwelligere Angebote und die Kostenübernahme. Das sei eine enorme soziale Errungenschaft, die nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch ihren Familien und unserer Gesellschaft zugutekomme. Für zwei Gruppen müssten dennoch dringend Anstrengungen unternommen werden – Kinder und Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Es fehle an Kapazitäten, Koordination und einem einfachen Zugang. Die Zahlen psychischer Erkrankungen seien seit 2018/19 dramatisch gestiegen – nicht zuletzt als Folge der Corona-Pandemie. Notwendig seien deshalb nicht nur mehr Therapieplätze und eine eigene Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche, sondern auch Maßnahmen in der Prävention, etwa durch eine Regulierung sozialer Medien, die Bekämpfung von demokratieschädigenden Desinformationen und die Schaffung von Zukunftsperspektiven für junge Menschen.
Clemens Hoch, Staatsminister für Wissenschaft und Gesundheit RLP, unterstrich, dass er diese Einschätzung teile und äußerte, dass es vor allem wichtig sei, ausreichend Behandlungsplätze zu schaffen. Besonders in der ambulanten Versorgung. Psychotherapie sei eine der besten Investitionen, betont Hoch, da sie Menschen eine schnellere Rückkehr in das Arbeitsleben ermögliche. Kein anderer Bereich zahle sich so aus, weshalb Prävention dahingehend so wichtig sei.
Streitpunkt Primärarztsystem
Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob Hausärzt*innen künftig eine stärkere Steuerungsrolle übernehmen sollten – durch das sogenannte „Primärarztsystem“. Während etwa der CDU-Abgeordnete Michael Wäschenbach dafür plädierte, Patient*innen über Hausärzt*innen zu leiten, warnten andere Stimmen vor einer möglichen Überlastung. Lisa-Marie Jeckel von den Freien Wählern, betonte, dass Hausärzt*innen ohnehin schon am Limit seien und auch Steven Wink (FDP) stellte infrage, ob sie die Notwendigkeit einer Psychotherapie immer vollumfänglich einschätzen könnten. Der Gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag Rheinland-Pfalz, Dr. Oliver Kusch, zeigte sich grundsätzlich als Befürworter der Patientensteuerung, betonte jedoch, dass diese nur ein Instrument von vielen sein könne. Hausärzt*innen spielen dabei eine Rolle, seien aber längst nicht die einzige Anlaufstelle - als Beispiel für eine bereits funktionierende Patientensteuerung verwies er auf die Terminservicestelle (116117). Künftig müsse zudem die Einbindung von KI deutlich stärker in Betracht gezogen werden, sagte er.
Fachkräftemangel im ländlichen Raum
Einigkeit bestand darin, dass der Fachkräftemangel im ländlichen Raum eine große Herausforderung darstellt. Dr. Oliver Kusch sprach sich dafür aus, junge Menschen in ihrer Heimat auszubilden und durch Personalwohnheime an die Region zu binden. Wink betonte, dass es eine differenzierte Bedarfsplanung brauche, die regionale Unterschiede berücksichtigt und sah in der Telemedizin eine wichtige Ergänzung. Jeckel setzte auf kommunale medizinische Versorgungszentren, um Hemmschwellen zur Selbständigkeit zu senken und betonte die Wichtigkeit von Förderung für Kliniken im ländlichen Raum. Man müsse die Kommunen besser ausstatten, um die Region attraktiver zu machen, meinte Jeckel. Wäschenbach stellte die bestehenden Abrechnungssysteme grundsätzlich in Frage und forderte, die Behandlung konsequent am individuellen Patientenbedarf auszurichten und außerdem die Vernetzung in der Versorgung zu stärken. Winkler von den Grünen verwies auf die Bedeutung der Infrastruktur, denn nur mit Wohnraum und einem funktionierenden öffentlichen Verkehrsnetz lasse sich dauerhaft Personal im ländlichen Raum binden.
Kampf um die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung
Ausgangspunkt war die Frage ob stationäre Versorgung immer zwingend psychiatrisch verortet sein müsse woraufhin Minister Hoch deutlich machte, dass der Personalmangel eine große Hürde sei, denn Kliniken seien derzeit nicht attraktiv genug, um stationäre Versorgungslücken zu schließen. Über die Sorge eines grundsätzlichen Personalmangels in der Psychotherapie kam das Podium auf die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung zu sprechen. Dr. Kusch drängte auf eine schnelle Klärung der Finanzierung, da bereits im Herbst die ersten Absolventinnen erwartet werden. Wink forderte Mittel vom Bund und effizientere Anerkennungsverfahren im Land, während Jeckel fehlende Weiterbildungsplätze und Ausbilder*innen als zusätzliches Problem anmahnte. Wäschenbach betonte die Verantwortung Deutschlands als Ausbildungsland und dass er sich aktiv für eine Lösung einsetzen werde. Winkler warnte vor den Folgen eines Fachkräftemangels und verwies auf die Fehler in der medizinischen Ausbildung. Hoch erinnerte anschließend an bestehende Absprachen, die Finanzierung über die Beitragszahlung zu sichern. „Deshalb habe ich eine Erwartungshaltung. Es ist eigentlich relativ leicht zu lösen“, betonte er. Sabine Maur kritisierte, dass nach zwanzig Jahren Ausbeutung in der Ausbildung nun erneut um Finanzierung gerungen werden müsse. „Es ist absurd, dass wir das jetzt wieder erkämpfen müssen“, so Maur.
Über Diskriminierung, Stigmatisierung und Teilhabe
Zum Abschluss der Podiumsdiskussion wurde über die Themen Diskriminierung marginalisierter Gruppen, die geplante Einführung eines Registers für psychisch Erkrankte sowie die psychosoziale Unterstützung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen gesprochen. Die Idee eines Registers stieß dabei auf deutliche Ablehnung und wurde allgemein als eine neue Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen. Staatsminister Hoch machte klar, dass psychisch erkrankte Menschen zwar in der Versorgung gut betreut seien, danach aber oft in eine Lücke fielen. Er verwies zudem auf seltene Fälle, in denen Menschen ohne Vorwarnung auffällig würden versicherte, dass er sich in der Gesundheitsministerkonferenz klar gegen die Pläne des Innenministers gestellt habe. Noch deutlicher wurde Josef Winkler: Ein Register lehne er „zu hundert Prozent“ ab. Es gebe keinen medizinischen Schlüssel, der verlässlich Hinweise gebe, stattdessen würde jeder Mensch unter Generalverdacht geraten. Ein solches Vorgehen sei nichts anderes als eine Gefühlsdebatte ohne sicherheitspolitischen Mehrwert.
Breiten Konsens gab es beim Thema Kinder und Jugendliche. Wäschenbach warnte, jede unbehandelte Auffälligkeit könne zu einer verlorenen Generation führen. Notwendig seien unbürokratische Hilfen, die in Schulen, Vereinen und sozialen Netzwerken ansetzen, um junge Menschen zu stützen. Auch Jeckel unterstrich, dass aus psychisch belasteten Kindern nur selten gesunde Erwachsene würden, wenn sie ohne Unterstützung blieben. Angesichts zusätzlicher Belastungen durch Corona, Krieg und steigenden Medienkonsum brauche es einen ganzheitlichen Ansatz, sowie mehr Forschung in der Kinder- und Jugendpsychologie. Wink brachte persönliche Erfahrungen in die Diskussion ein: Er habe von der gemeinsamen Zeit mit seinem geistig behinderten Bruder in einem integrativen Kindergarten profitiert – ein Beispiel dafür, wie wichtig Teilhabe sei. Besonders hob er die Stärkung von Medienkompetenz hervor, um Mobbing über digitale Kanäle zu verhindern. Multiprofessionelle Teams an Schulen könnten hier entscheidende Unterstützung leisten.
Dr. Kusch betonte schlussendlich, dass sich die Themen der psychosozialen Unterstützung von Kindern und Jugendlichen sowie die Diskriminierung marginalisierter Gruppen nicht voneinander trenne ließen. Diskriminierung, Teilhabe und psychosoziale Unterstützung seien eng miteinander verbunden. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Kinder zu stärken, statt die Verantwortung allein auf die Psychotherapie abzuschieben. Man müsse ihnen Resilienz und Perspektiven geben und die Zukunft nicht schwarzmalen, so Dr. Kusch.
Anschließend lud die LPK zum Get Together ein, bei dem ein spannender Austausch zustande kam.
Wir sagen Danke für die Einladung!
