Expertenanhörung im Hessischen Landtag: Dr. Heike Winter fordert stärkere Berücksichtigung psychischer Gesundheit in künftigen Krisen
Im Rahmen der Expertenanhörung „Gemeinsam für die Zukunft aufstellen: Parlament und Landesregierung starten Dialog- und Maßnahmenprozess für mehr Resilienz und Sicherheit“ hat der Hauptausschuss des Hessischen Landtags 25 Sachverständige aus unterschiedlichen Fachrichtungen eingeladen, um die staatlichen Maßnahmen der Corona-Pandemie umfassend zu bewerten. Dr. Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen (PTK Hessen), brachte dabei die Perspektive der Psychotherapeut*innen ein.
Die Anhörung war Teil eines mehrstufigen Verfahrens, in dem zunächst Bürger*innen verschiedener Altersgruppen zu ihren Erfahrungen während der Pandemie befragt wurden und anschließend durch die Perspektiven der Expert*innen ergänzt wurden. Die Ergebnisse aus Bürger*innendialog und Expert*innenanhörung fließen in einen Abschlussbericht ein, auf dessen Grundlage die Landesregierung ein Maßnahmenpaket entwickeln soll, um zukünftige Krisen resilienter zu bewältigen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Deutliche Belastungen bei Kindern und Jugendlichen
Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen die negativen Auswirkungen der Schulschließungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen. Insbesondere die COPSY-Studien sowie aktuelle Versorgungsdaten zeigen eine deutliche Zunahme von Angststörungen, depressiven Symptomen und psychosomatischen Beschwerden sowie verminderte Lebensqualität und besondere Belastung sozial benachteiligter Kinder. Dr. Heike Winter betont: „Kinder und Jugendliche haben für die Gesamtgesellschaft einen hohen Preis gezahlt. Viele von ihnen leiden bis heute unter den psychischen Folgen.“
Prof. Dr. Malte Schwinger von der Universität Marburg betonte, dass durch den Lockdown die Grundbedürfnisse der Kinder in massiver Form frustriert worden sind, mit dem Nebeneffekt, dass Kinder viel Zeit mit digitalen Medien verbracht haben, um den ausgesetzten Präsenzunterricht und fehlende soziale Kontakte zu kompensieren. Die Folge ist, dass viele Kinder und Jugendliche ein problematisches Nutzungsverhalten digitaler Medien, insbesondere in Bezug auf die sozialen Medien zeigen. Schwinger fordert unter anderem zur Prävention die Stärkung der Resilienz im schulischen Alltag: Kinder und Jugendliche müssen befähigt werden, digitale Medien reflektiert und selbstreguliert zu nutzen.
Auch Heimbewohner*innen stark betroffen
Neben jungen Menschen waren auch Bewohner*innen von Alten- und Pflegeheimen erheblich betroffen. Besuchsverbote und Isolation führten zu Einsamkeit, depressiven Entwicklungen und einer Verschlechterung bestehender psychischer Erkrankungen.
Aus Sicht der PTK Hessen muss in zukünftigen Krisensituationen eine bessere Balance zwischen Infektionsschutz und dem Schutz der psychischen sowie physischen Gesundheit erreicht werden.
Zentrale Forderungen der PTK Hessen
Aus den Erfahrungen der Pandemie ergeben sich klare Handlungsbedarfe. Zum einen fordert die PTK Hessen eine bessere Datengrundlage, beispielsweise eine systematische Mental Health Surveillance, um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen kontinuierlich und evidenzbasiert zu erfassen. Zum anderen muss die Bedarfsplanung im Bereich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie dringend an die tatsächlichen Versorgungsrealitäten angepasst werden, denn auch nach dem Ende der Pandemie besteht weiterhin ein hoher Behandlungsbedarf bei gleichzeitig von langen Wartezeiten geprägter ambulanter psychotherapeutischer Versorgung. Kurzfristig können Ermächtigungen sowie das Kostenerstattungsverfahren nach § 13 Abs. 3 SGB V zur Entlastung beitragen.
Für psychisch Erkrankte Heimbewohner*innen müssen niedrigschwellige psychotherapeutische Behandlungsangebote in Alten- und Pflegeheimen etabliert werden. Des weiteren sollen bei zukünftigen Krisenmaßnahmen frühzeitig Fachleute aus Psychotherapie, Geriatrie und Pflege sowie Betroffenen und Angehörige systematisch einbezogen werden.
„Lessons learned“
Die Anhörung hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, die psychische Gesundheit in Krisenzeiten stärker in den Blick zu nehmen. Die intensive und konstruktive Diskussion spiegelte das große Interesse wider, aus den Erfahrungen der Pandemie konkrete Maßnahmen für die Zukunft abzuleiten. Insgesamt zeigte der Prozess eine klare Bemühung, auf den Fehlern der Vergangenheit aufzubauen und die Strukturen für zukünftige Krisenresilienz zu verbessern.
