Kürzungsmaßnahmen bestimmen den 48. DPT
Bericht 48. Deutscher Psychotherapeutentag
Am 8. und 9. Mai 2026 kamen die Bundesdelegierten aller Landeskammern sowie die Bundespsychotherapeutenkammer zum 48. Deutschen Psychotherapeutentag in Travemünde zusammen. Ein großes Thema war die Honorarkürzung und die damit einhergehende Gefährdung der ambulanten Versorgung. Darüber hinaus standen unter anderem die Digitale Agenda 2030, die separate Bedarfsplanung von Kindern und Jugendlichen, ein Update zur Weiterbildung, sowie die Nachwahl der der Vizepräsident*in der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) auf der Tagesordnung. Die Sitzungsleitung übernahmen Birgit Gorgas, Christoph Treubel (beide PtK Bayern) und Dr. Jürgen Tripp (PtK Nordrhein-Westfahlen).
Zu Beginn der Sitzung gedachte der Deutsche Psychotherapeutentag der verstorbenen Kolleg*innen Prof. Dr. Cord Benecke, Mareke de Brito Santos-Dodt und Prof. Dr. Rainer Richter.
Politische Grußworte
Der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), würdigte in seiner Videobotschaft die „großartige Tätigkeit“ der Psychotherapeutenschaft. Zugleich machte er deutlich, dass die Kürzung der psychotherapeutischen Vergütung eine „große Herausforderung“ darstelle, die derzeit auch den Schleswig-Holsteinischen Landtag beschäftige.
Staatssekretär im Ministerium für Justiz und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein, Dr. Olaf Tauras, berichtete von zahlreichen Briefen, die nach Bekanntwerden der Kürzungspläne eingegangen seien – sowohl von Psychotherapeut*innen als auch von Bürger*innen. Viele Menschen sorgten sich um die Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung. Er betonte, dass der steigende Bedarf unmissverständlich aufzeige, dass es eines breiten Angebots an psychotherapeutischen Leistungen bedürfe. Seine Botschaft war deutlich: Es brauche mehr ambulante psychotherapeutische Kapazitäten und nicht weniger! Dazu brauche es aber auch ausreichend Nachwuchs. Tauras betonte, dass sich die Länder für verlässliche Vergütungsstrukturen und gute Rahmenbedingungen in der psychotherapeutischen Weiterbildung einsetzen. Auch die Finanzierung der Weiterbildung müsse neu geregelt werden, damit angesichts steigender Bedarfe ausreichend Fachkräfte nachkommen können.
Daran anschließend betonte Dr. Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), in Ihrer Rede, dass Deutschland gerade vor enormen Herausforderungen stehe. Globale Krisen, schwierige politische Rahmenbedingungen, das Erstarken antidemokratischer Kräfte und Sorgen um den Sozialstaat bestimmten zunehmend die gesellschaftliche und politische Debatte. Gerade in solchen Zeiten dürften die Schwächsten nicht unter die Räder kommen. Mit Blick auf die Honorarkürzung machte Dr. Benecke deutlich, dass tiefe Einschnitte in diesem Bereich die Versorgung verschlechtern. Der Weg der Bundesregierung sei daher ein Irrtum. Eine Deckelung der Vergütung bedeute unausweichlich auch eine Deckelung der Versorgung. Dr. Benecke rief dazu auf, gemeinsam Argumente und Aktionen zu überlegen, um gegen die Kürzungen vorzugehen. Aus Travemünde müsse das klare Signal ausgehen, dass diese Entscheidungen falsch seien. Politische Allianzen seien dabei entscheidend, denn nur gemeinsam könne die Psychotherapeutenschaft diesem Sturm entgegentreten. Der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) dankte Dr. Benecke für die Einreichung der Klage gegen die Honorarkürzung.
Digitale Agenda 2030 und Künstliche Intelligenz
Ein zentrales Thema des 48. DPT war die Digitalisierung. Präsident der Psychotherapeutekammer Bayern und Vizepräsident der BPtK, Dr. Nikolaus Melcop, stellte die Digitale Agenda 2030 sowie die Praxisinformation „Administrative KI in Ihrer Praxis“ vor. Sie enthält unter anderem Hinweise zu Datenschutz und Schweigepflicht. Der Diskurs zu künstlicher Intelligenz und Psychotherapie soll weitergeführt und verschiedene KI-Anwendungen beobachtet werden. Dabei soll der Nutzen, aber auch die möglichen Risiken erkannt werden. Melcop betonte: „Es mag künftig KI geben, die Psychotherapie unterstützt und vielleicht auch in Teilen ersetzt, aber die Verantwortung muss ganz klar bei den Psychotherapeut*innen bleiben.“
Social Media und Verhaltenssüchte im Kindes- und Jugendalter
Im Vortrag zur Digitalen Agenda 2023 „Social Media und Verhaltenssüchte im Kindes- und Jugendalter: State of the Art“ gab Hans-Jürgen Rumpf (Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse zu exzessiver Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen. Er beschrieb, dass Kinder immer früher inadäquate Inhalte rezipierten, die nicht zu ihrer Entwicklungsphase passen. Als Hauptsymptom dieses Nutzungsverhaltens benannte Rumpf Schlafmangel. Eine zentrale Auswirkung sei außerdem, dass digitale Medien zunehmend zur Emotionsregulation genutzt würden. Problematische Mediennutzung könne zentrale Entwicklungsaufgaben massiv stören – kommunikative, soziale, psychische und emotionale Kompetenzen.
Internetnutzungsstörungen seien vergleichsweise gut zu diagnostizieren. Hinweise seien unter anderem Schulabsentismus, Stress mit Eltern und Freund*innen sowie Kontrollverlust, wie er auch bei anderen Suchterkrankungen auftrete. Rumpf betonte außerdem, dass Multitasking Gift für die Konzentration sei. Viele Jugendliche machten während der Mediennutzung nebenbei noch andere Dinge, was die Konzentrationsfähigkeit zusätzlich beeinträchtige. Auch auf die entwickelte Leitlinie wurde hingewiesen. Medienkompetenz sei wichtig, um Gefahren wie Cybergrooming zu vermeiden. Bei Suchtverhalten reiche Medienkompetenz allein jedoch nicht aus, warnte Rumpf.
Cornelia Metge neue Vizepräsidentin der BPtK
Nach dem bedauerlichen Rücktritt der Vizepräsidentin Sabine Maur Ende März fand nun eine Nachwahl statt. Dr. Andrea Benecke dankte Maur für ihr langjähriges Engagement und ihren Einsatz für die Psychotherapeutenschaft. Anschließend wählte der 48. Deutsche Psychotherapeutentag Cornelia Metge zur neuen Vizepräsidentin der BPtK. Metge war zuvor bereits Beisitzerin des BPtK-Vorstands. Sie ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und engagiert sich bereits seit vielen Jahren in der Berufspolitik. In Ihrer Bewerbungsrede machte sie deutlich, dass die Psychotherapeutenschaft angesichts verschlechterter Rahmenbedingungen, wachsender Versorgungslücken und politischer Herausforderungen gemeinsam auftreten, ihre Expertise einbringen und Verantwortung übernehmen müsse.
Gewaltschutzkonzept
Heike Peper, Präsidentin Psychotherapeutenkammer Hamburg, Andreas Picheler, Präsident Psychotherapeutenkammer NRW, und Dr. Birsen Kahraman, Psychologische Psychotherapeutin, einen Antrag zur Entwicklung eines Gewaltschutzkonzeptes vor. Die BPtK wurde aufgefordert, ein Veranstaltungsformat zu planen, in dem ein solches Konzept entwickelt werden kann. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen.
Hessischer PiA-Landessprecher verstärkt BuKo PiA
Erik Walter (Foto links) hessischer PiA-Landessprecher, ist als stellvertretender Sprecher neues Mitglied im Team der Bundeskonferenz der Psychotherapeut*innen in Ausbildung (BuKo PiA). Am Wochenende wurde er in dieser Funktion erstmalig auf dem 48. Deutschen Psychotherapeutentag in Travemünde vorgestellt. Damit vervollständigt er das Trio gemeinsam mit Hannah Streit (Sprecherin) und Yannick Pachernegg (stellv. Sprecher).
Umsetzung der Weiterbildung
Auch die Umsetzung der Weiterbildung war Thema – vor dem Hintergrund der aktuellen Kürzungen und Einschränkungen der psychotherapeutischen Vergütung und Versorgung machte sich große Sorge breit. Dr. Andrea Benecke berichtete zum aktuellen Stand und betonte, dass die Umsetzung nun weiter ins Stocken geraten werde. 245 Weiterbildungsstätten im Fachgebiet Erwachsene und 98 Weiterbildungsstätten im Fachgebiet Kinder- und Jugendliche sowie 11 Stätten im Gebiet Neuropsychologische Psychotherapie gebe es derzeit bundesweit. Leider existierten die meisten der Stätten bisher nur auf dem Papier und würden aufgrund der ungeklärten Finanzierungssituation nur wenige Weiterbildungsstellen anbieten.
Im Kontext der Weiterbildung informierte Wolfgang Schreck, Mitglied des Vorstands der Bundespsychotherapeutenkammer, über den aktuellen Stand zum eLogbuch. Drei Unternehmen befinden sich in der finalen Runde. Die Angebote wurden inhaltlich und finanziell verglichen; daraus wurde eine nachvollziehbare Bewertungsgrundlage für den weiteren Entscheidungsprozess erstellt. Das Auftraggebergremium eLogbuch habe entschieden, mit einem der drei Unternehmen in Verhandlungen zu gehen. Planmäßig soll das eLogbuch Mitte 2027 an den Start gehen. Ziel sei es, ein Werkzeug zu schaffen, das allen Beteiligten eine strukturierte digitale Dokumentation der Weiterbildung ermöglicht.
Resolutionen
Der 48. Deutsche Psychotherapeutentag befasste sich in seinen Resolutionen mit zentralen Herausforderungen der psychotherapeutischen Versorgung und der gesellschaftlichen Verantwortung der Profession. Im Mittelpunkt standen die Honorarkürzung in der ambulanten Psychotherapie, die Sicherung und Weiterentwicklung psychotherapeutischer Versorgungskapazitäten, die Finanzierung der Weiterbildung sowie die Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Weitere Beschlüsse beschäftigten sich mit psychischer Gesundheit in der digitalen Welt, der leitliniengerechten Versorgung von trans* Personen, der Qualität stationärer psychiatrischer und psychosomatischer Versorgung sowie dem Einsatz gegen Hass und für eine vielfältige, sichere Gesellschaft.
Im Einzelnen verabschiedete der 48. DPT folgende Resolutionen:
- Kinder und Jugendliche können nicht warten: Bedarfsplanung jetzt reformieren!
- Schaffung von Weiterbildungsstellen finanziell fördern und nicht behindern
- Schutz, Befähigung, Teilhabe: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt sichern!
- Stoppt das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz jetzt!
- Honorarkürzungen nicht hinnehmbar!
- Leitliniengerechte Versorgung von trans*Personen jetzt sicherstellen!
- Stationäre Psychiatrie und Psychosomatik: Die Qualität der Versorgung ist durch das geplante Beitragssatzstabilisierungsgesetz gefährdet!
- Gemeinsam gegen Hass – für eine vielfältige, sichere Gesellschaft
